Bräute der Götter
Das Ihi-Ritual der Newar (Kathmandutal, Nepal)
Die ursprüngliche Bevölkerungsgruppe des Kathmandutales in Nepal, die Newar, sind eine traditionell Handel treibende Sprach- und Kulturgruppe, die kunstfertige Handwerker und eine reiche Festkultur hervorgebracht hat. So verbreitete sich der Pagodenbaustil der Newar in weiten Teilen Asiens, vor allem Ostasiens. Nicht nur ihrer Kunstfertigkeit halber genießen die Newar in der nepalesischen Gesellschaft hohes Ansehen, oft übernehmen Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe bei Ritualen spezielle Aufgaben. In manchen Landesteilen ist die Sprache der Newar, das der tibeto-burmanischen Sprachfamilie angehörige Newari, weiter verbreitet als die indoeuropäische Landessprache Nepali.
Die Newar praktizieren Religiosität in einer variantenreichen und komplexen Verschmelzung von buddhistischen und hinduistischen Elementen. Sie verehren zahlreiche Gottheiten, die sie den beiden traditionellen Religionen Nepals hinzufügen. Die "Lebende Göttin" Kumari, eine Inkarnation der hinduistischen Göttin Durga, ist ein Beispiel für die Religionspraxis der Newar. Ein sehr junges Mädchen aus einer Familie, die einer buddhistischen "Kaste" angehört, wird als Kumari erwählt und bis zu ihrer ersten Menstruation als Göttin verehrt. Besonders viel Kraft aber wird im Hinduismus Göttern zugesprochen, die viele Namen, Identitäten und Erscheinungsformen haben.
Beim Ihi-Ritual verheiraten die Newar sehr junge Mädchen mit Göttern, deren Namen und Erscheinungsformen unbenannt bleiben. Erst zwischen drei und zehn Jahre alt sind diese Bräute der Götter, doch das Ihi-Ritual gilt schon als Schritt an die Schwelle des Erwachsenenlebens. Mit einer vom Vater gereichten Frucht des Holzapfelbaumes in der Hand und einem Goldplättchen von der Mutter auf der Stirn wird das Mädchen beim Ihi-Ritual dem Göttergatten vom Vater als "Jungfrau" übergeben. Welchem Gott aber der Vater seine Tochter als Lebensgefährtin anvertraut, bleibt verborgen. Obwohl der göttliche Bräutigam also unbenannt bleibt, entspricht das Ritual für viele Newars einer echten Hochzeit und wird auch entsprechend gefeiert: Über zwei Tage singt, tanzt, isst und trinkt man an Ihi gemeinsam auf öffentlichen Plätzen wie bei einem Volksfest. Oft bis zu 200 prächtig in Hochzeits-Saris gekleidete Mädchen verleihen den Städtchen des Kathmandutales an solchen Festtagen ungeahnten Glanz. Die Mädchen umschreiten wie bei Hochzeiten üblich das heilige Feuer und machen sieben rituelle Schritte in ihr neues Leben.
Bereits Tage zuvor wird die Götterbraut von Verwandten abgeholt und durch die Stadt geführt, um den väterlichen und mütterlichen Verwandten einen Besuch abzustatten. Dabei wird dem Mädchen eine symbolische Speise gereicht, um so eine rituelle Beziehung zum Familienverband zu etablieren. Bei der Rückkehr zur Schwelle des elterlichen Hauses wird das Mädchen dann von den Frauen aller besuchten Haushalte mit einer Reisgabe gesegnet. Den Übergang zum rituell vollwertigen Wesen besiegelt aber erst die Gabe einer rituellen Speise mit Alkohol aus der Hand der ältesten verheirateten Frau des Familienklans. Wenige Monate nach dem eigentlichen Ihi-Ritual widmet das Mädchen die Frucht des Holzapfelbaumes, die sie beim Ihi-Ritual vom Vater erhalten hat, der Ahnengottheit des Klans. Sie ist nun endgültig zum heiratsfähigen Mädchen und vollwertigen Mitglied des Familienverbandes geworden.
Eine Wiederverheiratung ist, wie bei allen hinduistischen Gläubigen des Landes, auch bei den Newar eigentlich verpönt. Trotz der einer echten Hochzeit entlehnten Elemente ist das Ihi-Ritual also eigentlich kein Hochzeitsritual. Die Newar sagen, dass die Mädchen durch die Verheiratung mit einem Gott dem Schicksal der Witwenschaft entgehen, das im Hinduismus oft schwerwiegende Folgen haben kann. Der göttliche Gatte wird ewig leben und das Mädchen kann also niemals Witwe werden - selbst wenn ein späterer menschlicher Ehepartner sterben sollte.
Die Erforschung des Ihi-Rituals ist Bestandteil des Themenschwerpunktes A2.2: "Hinduistische Kindheits- und Jugendrituale im Kathmandutal" des SFB 619 Teilprojektes A2


